Umdenken – Kann ich ganz auf mein Auto verzichten?

Umdenken – Kann ich ganz auf mein Auto verzichten?

by Grit Irmscher

Unsere Kollegin Kerstin fährt am liebsten mit dem Rad zur Arbeit. Aber ganz auf ihr Auto verzichten möchte sie lieber nicht. Nun macht sie es doch: ein Selbstversuch mit gemischten Gefühlen.

Mein Arbeitsweg beträgt gut 19 Kilometer, ich nutze dafür mein Auto oder mein Pedelec – ein Fahrrad mit Elektromotor. Mit dem Extraschub aus dem Akku packe ich die steigungsreiche Strecke in weniger als einer Stunde. Über die Autobahn bin ich 30 Minuten schneller – vorausgesetzt, es gibt keine Baustellen. Das Tolle am Radeln: Ich kann die Zeit in der Natur genießen, umfahre die Staus und komme entspannter an. Am liebsten würde ich immer das Rad nehmen. Aber mein Mann und mein Sohn würden sich bedanken, wenn ich täglich zwei Stunden unterwegs wäre – zusätzlich zur Arbeitszeit. Also beschränke ich es auf zwei- bis dreimal die Woche.

Wozu brauche ich eigentlich mein Auto? Gute Frage! Wir besitzen sogar zwei. Meine bessere Hälfte ist als Freiberufler auf seinen Wagen angewiesen, aber für mich gäb’s schon Alternativen. Der Pendlerbahnhof unserer Kleinstadt liegt nur wenige Gehminuten entfernt. Trotzdem steige ich ins Auto, wenn das Wetter zum Radeln zu schlecht ist oder ich es eilig habe.

Abgasfrei zur Arbeit

Es wird Zeit, die Alternativen zu testen. Also stehe ich an einem Montagmorgen um halb neun am Bahngleis. Der Regionalzug ist pünktlich und nicht überfüllt. Ich nutze die Fahrtzeit für mich und höre Podcast. Mit einem Mal Umsteigen komme ich nach einer Dreiviertelstunde im Büro an. Das war entspannter als gedacht. Etwas geschluckt habe ich beim Ticketpreis von sechs Euro. Dass mein Kleinwagen mich nach Berechnungen des ADAC monatlich um die 300 Euro kosten soll, blende ich in dem Moment aus.

Quelle: Pixabay

Bevor ich abends im Büro den Rechner herunterfahre, checke ich den Fahrplan und stelle fest, dass meine Bahn nach 18 Uhr nur noch stündlich fährt. Jetzt wäre ein Auto doch ganz nett. Schade auch, dass ich unterwegs nicht ein paar Besorgungen machen kann. Mit dem Rad kaufe ich auf dem Heimweg gern für den nächsten Tag ein. Der berühmte Wochenendeinkauf – ein beliebtes Argument, warum man unbedingt ein Auto braucht – ist dagegen bei uns kein Thema. Ich finde es eher schwierig, am Samstag schon zu wissen, was wir in der kommenden Woche essen möchten.

Für diesen Samstag haben wir Freunde zum Grillen eingeladen. Der Getränkekauf ist die nächste Herausforderung. Die schweren Kisten lassen sich nur mit dem Auto vernünftig transportieren. Ich gucke ins Internet und bekomme unter dem Stichwort „Carsharing“ in meiner Stadt nur einen Treffer angezeigt. Das Autohaus, das den Fünftürer mit fetter Werbung vermietet, liegt allerdings nicht gerade um die Ecke. Ich fürchte, der Sharing-Trend ist bei uns noch nicht angekommen, weil einfach zu viele Leute eigene Autos haben.

Quelle: Pixabay

Das bringt mich auf die Idee, einfach mal in der Nachbarschaft zu fragen. Tatsächlich werden mir spontan zwei Mitfahrten zum Supermarkt angeboten. Danke, echt nett! Aber würde ich mich auch auf die Nachbarn oder den Taxidienst verlassen wollen, wenn ein Familienmitglied schnell ins Krankenhaus müsste? Der Gedanke, dass mein Auto fahrbereit vor dem Haus steht, hat schon irgendwie etwas Beruhigendes.

Jetzt fehlt noch das wichtigste Equipment für unsere Gartenparty: der Grill. Mein Mann hat eine Gasgrill-Küche im Prospekt eines Baumarkts entdeckt. Doch der Baumarkt liegt außerhalb auf der grünen Wiese. Mit Bus und Bahn wäre ich hin und zurück locker drei Stunden unterwegs. Ich frage mich kurz, ob man im öffentlichen Nahverkehr überhaupt sperrige Gegenstände mitnehmen darf. Im Fall der Gasgrill-Küche natürlich ein abwegiger Gedanke …

Meine Online-Recherche ergibt, dass es am günstigsten ist, für drei Stunden und 35 Euro einen Kleintransporter zu leihen. Die klassische Autovermietung ist „nur“ drei Kilometer von uns entfernt. „Theoretisch“ könne er das Fahrzeug auf seiner Joggingrunde einsammeln, bietet sich mein Mann an. Das Ende vom Lied: Wir fahren am Samstagmorgen ganz praktisch mit seinem Kombi in den Baumarkt. Und am Sonntag werden wir alle gemeinsam zum Kaffee bei Oma und Opa radeln – als Ausgleich für die Autofahrt beim Grillkauf.

Für immer Autofrei?

Fazit: Nur, weil ich hin und wieder Getränkekisten transportieren muss, brauche ich kein eigenes Auto. Bevor ich mich traue, meines zu verkaufen, müssen die Alternativen aber noch besser werden. Mit guten Nahverkehrsverbindungen auch am Abend, sicheren und mehr Radwegen und Carsharing-Angeboten im Wohnumfeld könnte das aber noch was werden.

Gewusst?

Durchschnittlich 1,5 Personen sitzen in Deutschland in einem fahrenden Auto. Die Folge: zu viele Fahrzeuge auf den Straßen. Viel umweltfreundlicher ist es, nicht selbst, sondern mitzufahren. Über Online-Mitfahrbörsen finden Fahrer und potenzielle Mitfahrer schnell zusammen. Diese Meta-Suchmaschine durchkämmt die gängigen Mitfahrbörsen:

www.fahrtfinder.net

 

 

Grit Irmscher

Online Marketing Managerin

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